02.08.26

KI, Unternehmergeist und internationale Zusammenarbeit

Impulse vom Asia Pacific Young Leaders Summit in Singapur

ELISABETH, VALERIAN UND EMILIA AUF DEM SUMMIT IN SINGAPUR

Was entsteht, wenn junge Ideen, internationale Perspektiven und der Mut, Dinge neu zu denken, aufeinandertreffen? Beim Asia Pacific Young Leaders Summit in Singapur haben Elisabeth, Valerian und Emilia von der Landesschule Pforta genau das erlebt. Als einzige deutsche Delegation entwickelten sie gemeinsam mit Jugendlichen aus Japan und Singapur eine digitale Plattform für junge Gründerinnen und Gründer und wurden für ihr Engagement gleich mehrfach ausgezeichnet.

Für die internationale Kulturmesse durften wir die drei mit 100 Notizbüchern im Gepäck unterstützen. In ihrem Reisebericht erzählen sie von einer beeindruckenden Stadt, einem ganz anderen Umgang mit Digitalisierung und KI und davon, wie aus drei nationalen Ideen eine gemeinsame Lösung entstand.


AUTORIN: EMILIA FUNK

ERSTE EINDRÜCKE: SINGAPUR UND DIE HWA CHONG INSTITUTION

Vom ersten Moment an hat uns Singapurs Fortschrittlichkeit überrascht. Der Stadtstaat zählt laut dem IMD Smart City Index 2025 weiterhin zu den führenden Städten Asiens.[1] Das lässt sich auch mit eigenen Augen nachvollziehen. Aus der ursprünglichen „Garden City" ist längst eine „City in Nature" geworden: Trotz sehr hoher Bevölkerungsdichte sind heute rund 47 bis 50 Prozent der Landfläche Singapurs begrünt, unter anderem durch konsequente Investition in Skyrise Greenery – die Begrünung von Fassaden, Dächern und Terrassen der zahlreichen Hochhäuser.[2] Für die Stadtplanung nutzt Singapur seit einigen Jahren ein digitales 3D-Modell namens Virtual Singapore, das Windströmungen, Sonneneinstrahlung und Verkehrsflüsse simuliert, um neue Bauprojekte optimal zu planen, bevor der erste Stein gesetzt wird.[3] Und wer durch die Stadt fährt, merkt schnell: privater Autobesitz ist hier bewusst unattraktiv gemacht. Über das Certificate-of-Entitlement-System zahlen Käufer für das reine Recht, überhaupt ein Fahrzeug zuzulassen, oft mehr als für den Wagen selbst – während gleichzeitig massiv in ein modernes, bezahlbares Nahverkehrsnetz investiert wird.[4]

Ebenso viel Eindruck hat die Hwa Chong Institution selbst bei uns hinterlassen – allein schon durch ihre Größe: Rund 4.000 Schülerinnen und Schüler lernen dort, verteilt auf ein weitläufiges Gelände. Aufgefallen ist uns vor allem, wie stark Eigenständigkeit und lebenspraktisches Lernen im Zentrum stehen. Wir durften der Projektpräsentation gemischter Teams aus Singapur und einer Partnerschule aus China beiwohnen, deren Aufgabe es war, KI-gestützte Lösungen für alltägliche Probleme zu entwickeln. Zwei Dinge sind uns dabei besonders hängen geblieben: der hohe Stellenwert internationaler Zusammenarbeit im Schulalltag – und wie selbstverständlich mit KI im Unterricht gearbeitet wird.


UNSER THEMA: WARUM GRÜNDEN UNTER 18 IN DEUTSCHLAND DIE AUSNAHME BLEIBT

In diesem Umfeld haben wir uns, gemeinsam mit Partnerteams aus Japan und Singapur, mit dem UN-Nachhaltigkeitsziel 9 – Industrie, Innovation, Infrastruktur – auseinandergesetzt. Unsere Leitfrage: Was hindert vor allem sehr junge Menschen in Deutschland daran, ihre Geschäftsidee tatsächlich umzusetzen? Wie ungenutzt die Innovationskraft von Jugendlichen bisher ist, zeigt eine Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn: Bundesweit kommt es demnach jährlich nur zu 290 bis 610 tatsächlichen Unternehmensgründungen durch Minderjährige, bei denen diese auch selbst die Geschäftsführung übernehmen – die meisten von ihnen zwischen 15 und 17 Jahre alt.[5] Ein Grund dafür liegt unter anderem im Gesetz selbst: Wer unter 18 ist, gilt nach § 112 BGB nur als beschränkt geschäftsfähig und braucht für eine Gründung sowohl die Ermächtigung der Eltern als auch die Genehmigung des Familiengerichts.[6] Das ist die erste Hürde, die Teenentrepreneure in Deutschland nehmen müssen – danach hört es aber noch lange nicht auf. 

Neben dieser rechtlichen Hürde kristallisierten sich in unserer Recherche fünf weitere Gründe heraus: ein Mangel an passenden Fördermöglichkeiten, bürokratische Anforderungen im engeren Sinne, fehlende Netzwerke, eine unübersichtliche Förderlandschaft und schlicht fehlende Unterstützung im direkten Umfeld. Daraus entstand unsere Projektidee: eine digitale Plattform, die junge Gründerinnen und Gründer Schritt für Schritt durch rechtliche Vorgaben, bürokratische Anforderungen und praktisches Gründungswissen führt. Im Austausch mit unseren Partnerteams aus Japan und Singapur zeigte sich, dass beide Länder mit sehr ähnlichen Hürden kämpfen – woraufhin wir unsere drei nationalen Ansätze zu einer gemeinsamen, länderübergreifenden Plattform zusammengeführt haben. Sie umfasst neben einem länderspezifischen Schritt-für-Schritt-Leitfaden auch einen KI-Mentor, ein internationales Austauschforum für Gründungsinteressierte und ein Mentor-Matching-Programm, über das junge Gründer Mentoren oder Sponsoren finden können. 

Für diese Arbeit und ihre innovative Präsentation wurde unsere Gruppe mit dem Presentation Award des Summits ausgezeichnet.


VIELFALT DER IDEEN

Neben unserem eigenen Projekt haben uns auch die Ideen anderer Delegationen nachhaltig beeindruckt. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns ein Projekt der ukrainischen Delegation: eJustice, ein Online-Portal, über das Menschen einen möglichen Rechtsverstoß schildern können. Eine KI durchsucht daraufhin passende Gesetzestexte und gibt eine erste Einschätzung, ob sich ein Gang vor Gericht lohnt. Ein anderes Team widmete sich der Situation von Wanderarbeitern, die in vielen Ländern nach wie vor eine besonders vulnerable Gruppe sind, und entwickelte Workshops, die sie gezielt über ihre Rechte aufklären sollen.


DER BEST SCHOOL DELEGATION AWARD

Zum Ende des Summits, bei der Closing Ceremony, wurde unsere Delegation mit dem Best School Delegation Award ausgezeichnet – unter allen 20 teilnehmenden Schulen weltweit. Die Begründung der Jury bezog sich nicht auf ein einzelnes Projekt, sondern auf etwas Grundsätzlicheres: durchgehendes Engagement, Teamarbeit und Enthusiasmus über den gesamten Summit hinweg, nicht nur bei der eigenen Präsentation, sondern auch im Austausch mit anderen und bei den zahlreichen Programmpunkten neben dem Projekt. In Gesprächen mit Jugendlichen aus mehr als einem Dutzend Ländern sind wir dabei zu keinem Zeitpunkt auf Vorurteile gegenüber Deutschland gestoßen – das Interesse war durchweg offen und neugierig.


UNSERE BILANZ

Zwei Dinge nehmen wir aus Singapur mit. Erstens: Digitalisierung der Verwaltung und tatsächlicher Bürokratieabbau sind zwei unterschiedliche Dinge, die in Deutschland häufig verwechselt werden – Singapur zeigt, dass Technologie dort am meisten bewirkt, wo sie nicht nur bestehende Prozesse abbildet, sondern sie grundlegend vereinfacht. Zweitens: Der konsequente Umgang mit KI, den wir dort erlebt haben – etwa im Bildungsprogramm „AI for Everyone" von AI Singapore, das KI-Grundwissen bewusst in die breite Bevölkerung tragen soll – hat uns gezeigt, dass die Frage nicht lautet, ob man KI verwendet, sondern wie systematisch man ihre Nutzung lernt und wie man sie zukünftig tragfähig macht.

Was internationale Zusammenarbeit angeht, war unsere eigene Erfahrung dabei der beste Beleg: Aus drei nationalen Ideen wurde eine gemeinsame Plattform, nicht weil eine Seite nachgeben musste, sondern weil wir mit unseren Partnerteams von Anfang an offen und auf Augenhöhe zusammengearbeitet haben. Genau diese Bereitschaft, das eigene Projekt gemeinsam weiterzudenken, statt es für sich zu behalten, war am Ende das, was unsere Lösung besser gemacht hat, als es allein je hätte sein können. 

Wir bedanken uns herzlich für Ihre Unterstützung für die Kulturmesse dieses inspirierenden Summits. 


QUELLENANGABEN

[1] IMD Smart City Index 2025: https://www.humanresourcesonline.net/how-global-cities-rank-on-the-smart-city-index-2025

[2] National Parks Board Singapore / Centre for Liveable Cities, City in Nature: https://knowledgehub.clc.gov.sg/publications-library/singapore-the-first-city-in-nature/

 [3] GovTech Singapore, Virtual Singapore: https://www.tech.gov.sg/technews/5-things-to-know-about-virtual-singapore/

 [4] Land Transport Authority Singapur, Certificate of Entitlement: https://onemotoring.lta.gov.sg/content/onemotoring/home/buying/upfront-vehicle-costs/certificate-of-entitlement--coe-.html

[5] Institut für Mittelstandsforschung Bonn, zitiert nach ZDFheute: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/gruender-unternehmen-minderjaehrig-100.html

 [6] § 112 BGB / Gründen.nrw, Gründungen unter 18 – Ein Leitfaden: https://www.gruenden.nrw/angebote-nach-zielgruppen/gruendungen-unter-18-jahren/gruendungen-unter-18-ein-leitfaden